Agnieszka Mac
Uniwersytet Rzeszowski

Bericht über die internationale Fachtagung Persuasionsstile in Europa

2-3.09.2011, Universität Helsinki


Am 2. und 3. September 2011 fand an der Universität Helsinki (Helsingin Yliopisto) eine internationale Fachtagung mit dem Titel Persuasionsstile in Europa statt. Sie wurde von der Fachrichtung Germanistik im Institut für moderne Sprachen der Universität Helsinki ausgerichtet. Obwohl das Thema der Tagung breit angelegt war, wiesen die Hauptveranstalter schon im Vorfeld darauf hin, dass im Mittelpunkt der Tagung die Textsorte Kommentar in der Presse und den elektronischen Medien, Radio und Fernsehen stehen wird. Als Themenschwerpunkte waren einerseits methodologische Fragen der kontrastiven Analyse persuasiver Texte, andererseits Ergebnisse empirisch basierter Untersuchungen zum Kommentar in verschiedenen Sprachen bzw. Kommunikationsgemeinschaften Europas oder in verschiedenen Medien bzw. Medientypen vorgesehen. An der Tagung nahmen 26 WissenschaftlerInnen teil, die in der Mehrzahl von den Hauptveranstaltern eingeladen wurden. Sie war als ein Treffen im kleinen Kreis gedacht, weil eins ihrer Ziele war, den Antrag an die Akademie Finnlands (Suomen Akatemia) auf die finanzielle Unterstützung des geplanten Projekts bezüglich der Forschungen an der Textsorte Kommentar in europäischen Ländern vorzubereiten. Die KonferenzteilnehmerInnen vertraten dreizehn Universitäten aus sieben Ländern Europas: Bulgarien, Finnland, Deutschland, Polen, aus der Schweiz, Schweden und Ungarn; es wurden 14 Referate gehalten. Die Tagung fand im Runeberg-Saal des Hauptgebäudes der Universität Helsinki direkt im Stadtzentrum (Senaatintori), dem Regierungsgebäude (Valtioneuvosto) gegenüber, statt. Die Tagung wurde von PD. Dr. Hartmut Lenk und Dr. Marjo Vesalainen, den Hauptveranstaltern von der Fachrichtung Germanistik feierlich eröffnet. Nach der Begrüßung der TeilnehmerInnen bedankten sie sich bei allen, die sich für die Organisation der Tagung eingesetzt haben und bei denen, die sich bereit erklärt haben, das geplante Projekt zu unterstützen und dabei mitzuwirken. Die Teilnahme der anerkannten TextwissenschaftlerInnen von verschiedenen Universitäten und aus verschiedenen Ländern, darunter von Prof. Heinz-Helmut Lüger, einem der wichtigsten Vertreter der Erforschung von Pressetexten in Deutschland, von Prof. Zofia Bilut-Homplewicz und Prof. Mariann Skog-Södersved, die hauptsächlich auf dem Gebiet der kontrastiven Studien tätig sind und sich ebenfalls mit der Analyse von Pressetexten beschäftigen, sowie von Prof. Michael Hoffmann, dessen Hauptinteresse vor allem stilistische Textanalyse ist, versprach schon von Anfang an einen vollen Erfolg der Tagung. Die Konferenz begann mit dem Plenarvortrag von Prof. Dr. habil. Heinz-Helmut Lüger zum Thema Persuasion als medienlinguistisches Phänomen, in dem er die theoretischen und methodologischen Grundlagen mit der Analyse der Pressetexte belegte. Im ersten Teil seines Referats hat er den Versuch unternommen, den Begriff Persuasion in der Linguistik zu definieren. Seiner Meinung nach hat es die Linguistik mit einem nicht immer leicht zu fassenden Gegenstand zu tun. "Persuasivität ist nicht einfach eine Funktion sprachlicher Ausdrücke oder Konstruktionen; sie ergibt sich erst im kommunikativen Gebrauch, sie ist vom Textproduzenten nur begrenzt steuerbar und unterliegt verschiedenen kognitiven, sozialen oder psychischen Voraussetzungen auf Seiten des Rezipienten." (Lüger ) Er hat auch auf die Schwierigkeit beim Vergleich persuasiver Mittel in kontrastiven Analysen hingewiesen, in denen trotz aller Internationalisierungstendenzen speziell in den Medien nationale oder gruppenspezifische Besonderheiten nach wie vor prägend sind. Im zweiten Teil wurden deutsche und französische Kommentartexte einander gegenübergestellt und hinsichtlich ihres persuasiven Potentials untersucht. Dabei wurden makrostrukturelle Faktoren ebenso betrachtet wie bestimmte Merkmale auf mikrostruktureller Ebene. Obwohl das Thema aller Referate den Kommentar und die ihm verwandten Textsorten (Leitartikel und Glosse) betraf, haben die ReferentenInnen unterschiedliche Aspekte dieses Themas in ihren Vorträgen aufgegriffen. Prof. Dr. habil. Michael Hoffmann konzentrierte sich z.B. in seinem Referat zum Thema Kommunikative Dimensionen persuasiver Stile auf den Stil der Persuasion und versuchte die Koordinaten des für persuasive Stile maßgeblichen Relationengefüges abzustecken und Anschlussstellen für deren Beschreibung zu finden. Er präsentierte ein Raster mit drei kommunikativen Dimensionen, der kommunikationstypologischen, der kultursemiotischen und der argumentationstheoretischen Dimension, die er zu diesem Zweck als besonders relevant erachtet. In der Zusammenfassung betonte er, dass es sein Ziel war, einen Rahmen für die Einordnung und Analyse vielfältiger stilistischer Aspekte in der persuasiven Medienkommunikation abzustecken. Er betrachtet es als eine weiterführende Aufgabe, kulturspezifische Argumentationsstile und kulturspezifische Formen von Intersemiotizität, wie sie sich im Textsorten-Rahmen Kommentar herausgebildet haben, mit Bezug auf kulturneutrale Merkmale des Kommunikationstyps Persuasion, zu ermitteln und zu beschreiben. Die in den Referaten von Prof. Lüger und Prof. Hoffmann aufgegriffenen Fragen stellten den Ausgangspunkt für die nächsten Vorträge dar, in denen es um konkrete Kommentaranalysen ging, mit einer Ausnahme, die das Referat von Prof. Zofia Bilut-Homplewicz war. Sie konzentrierte sich hauptsächlich auf theoretische Grundlagen der Textsorte Kommentar, aber diesmal kontrastiv. Sie versuchte die Besonderheiten der Presseforschung in Deutschland und Polen am Beispiel des Kommentars darzustellen. Sie setzte sich zum Ziel, zwei Werke zu vergleichen, die die Grundlage für jegliche Presseforschung in Deutschland und Polen darstellen, und zwar Pressesprache (1995) von Heinz-Helmut Lüger und Gatunki prasowe (2004) von Maria Wojtak. Beide Werke werden geschätzt als repräsentative Beispiele der Beschreibung und Analyse von Pressetexten in germanistischen und polonistischen Forschungen, obwohl sie sich in der Art und Weise unterscheiden, wie das Thema aufgefasst wird. Die Grundlage für die Beschreibung der Pressetexte bildet für Lüger die handlungsorientierte Textlinguistik, Wojtak, die als eine von wenigen Forschern in Polen gelten muss, die Gebrauchstexte untersuchen, bevorzugt die textologische Beschreibung der Pressetextsorten. Die meisten anderen Referate betrafen die kontrastive Analyse der gesammelten Korpora von Pressekommentaren (Prof. Anita Malmquist/ Dr. Gregor von den Heiden), darunter auch ihre Online-Versionen (Dr. Iwona Szwed, Dr. Agnieszka Mac), und in einem Fall wurden Leitartikel (Prof. Mariann Skog-Södersved) sowie Glossen (Dr. Hannele Kohvakka) untersucht. In den Korpora, die die Grundlage für die vorgetragenen Referate darstellten, wurden Bewertungsmittel (Prof. Mariann Skog-Södersved: Leitartikel in der deutschen und schwedischen Sprache; Dr. Agnieszka Mac: Kommentartitel in der deutschen und polnischen Sprache), persuasive Mittel der Personalisierung (Prof. Anita Malmquist/ Dr. Gregor von den Heiden: Kommentare in der deutschen und schwedischen Sprache), persuasive sprachliche Handlungen (Dr. Iwona Szwed: Kommentare zu aktuellen wirtschaftlichen Themen in der deutschen und polnischen Sprache; Dr. Hannele Kohvakka: Glossen in der deutschen und finnischen Sprache) vorgestellt. Die anderen Referate bezogen sich auf die Kommentaranalysen in der deutschen Sprache. Dr. Mikaela Petkova-Kessanlis versuchte in ihrem Beitrag, das persuasive Handeln in Exemplaren der Textsorte Kommentar in zwei deutschsprachigen Auslandszeitungen zu beschreiben. Die Texte wurden einer Analyse unterzogen, deren Ziel es war, herauszufinden, welchen sprachlichen Handlungen eine persuasive Intention unterstellt werden konnte und mit welchen sprachlichen Mitteln diese persuasiven Handlungen vollzogen wurden. Anschließend wurden die Ergebnisse der Analyse beider Zeitungen miteinander verglichen. Dr. Sascha Demarmels setzte sich in ihrem Referat das Ziel, auf eigenen didaktischen Erfahrungen basierend, eine Antwort auf die Frage zu liefern, warum die Studierenden an der Hochschule Luzern Wirtschaft (HSLU-W) sich in der Regel schwer mit der Textsorte Kommentar tun. Sie versuchte der Frage nachzugehen, wie Kommentare beschaffen sein müssten und wer Beurteilungsregeln festsetzt. Ihrer Meinung nach finden sich neben normativen Aufstellungen in Ratgebern für den Journalismus und zu pädagogischen Zwecken im deskriptiven Bereich sprachwissenschaftliche Textsortenanalysen mit Ableitungen, aber insgesamt scheint die theoretische Aufarbeitung dieser Textsorte eher spärlich. Außerdem zeigte sie exemplarisch auf, wie Kommentare tatsächlich beschaffen sind, wobei Qualitäts- und Gratiszeitungen sowie Radio und Fernsehen verglichen wurden, um zu beweisen, dass in den verschiedenen Medien auch die Kommentare leicht unterschiedlich sind. Der Beitrag von Prof. Hans W. Giessen analysierte Kommentare verschiedener deutscher Tageszeitungen zu einem spezifischen Ereignis, den US-amerikanischen Midterm Elections im November 2010. Sein Ziel war es, zu untersuchen, ob und wie sich unterschiedliche Zeitungskategorien bezüglich verschiedener inhaltlicher und sprachlicher Aspekte auswirken. Die Kategorien waren: Boulevardzeitung (hier wurde die Bild-Zeitung als bundesweit gelesene Boulevardzeitung in das Korpus aufgenommen), Regionalzeitungen (alle Regionalzeitungen des Bundeslands Rheinland-Pfalz), sowie Qualitätszeitungen (Bedingung war hier die bundesweite Verfügbarkeit). Dr. Henrik Rahm versuchte Persuasionsstrategien in einer Artikelserie über den geplanten Umzug des Hospizes in Lund zu analysieren. In den Diskussionen wurden methodologische Probleme der Persuasionsforschung, das Sammeln von Korpora für die Untersuchungen und konkrete Fragen bezüglich der präsentierten Referate erörtert. Nicht selten war die Terminologie und die Erklärung einzelner Fachbegriffe selbst Gegenstand der Diskussion. Die Pausen wurden genutzt, um neue wissenschaftliche Kontakte zu knüpfen oder schon bestehende aufzufrischen, es wurden Gedanken und Erfahrungen ausgetauscht, und auf die konstruktive Kritik wurde auch nicht verzichtet. Am Freitagabend, d.h. am ersten Konferenztag, wurden die Teilnehmenden von der Dekanin der Humanistischen Fakultät, Prof. Anna Mauranen, zu einem Empfang in dem sehenswerten Zeitungslesesaal (lehtisali) in dem Hauptgebäude der Universität Helsinki eingeladen. Zweifelsohne war die Konferenz ein Erfolg. Sowohl in den Plenardiskussionen als auch in den Gesprächen während der Kaffeepausen konnte man beobachten, wie sich die Forschenden mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den theoretischen Grundlagen sowie ihrer praktischen Umsetzung auseinandersetzten, die in der Fachliteratur ihrer Herkunftsländer begründet waren. Interessant war natürlich auch der Kontakt mit der nordeuropäischen Kultur, repräsentiert sowohl durch ihre Einwohner als auch durch die Stadt Helsinki selbst. Die Differenzen in den Verhaltensweisen auf der Ebene der zwischenmenschlichen Kontakte sowie Besonderheiten in der Lage und im Baustil der Stadt waren bestimmt eine wertvolle landeskundliche Lektion vor allem für die Konferenzteilnehmenden, die das Land zum ersten Mal besucht haben. Die Konferenz wurde am Samstagnachmittag mit einem Arbeitstreffen der Projektgruppe beendet, deren Mitglieder sich bereit erklärt hatten, an dem für die Zukunft geplanten Projekt teilzunehmen. Es bleibt nur darauf zu hoffen, dass der gestellte Antrag bei der Akademie Finnlands auf die finanzielle Unterstützung des Projekts das erwartete Ansehen bei den Gutachtern erlangt, was die Fortsetzung des Erfahrungs- und Gedankenaustauschs in den Forschungen an sprachlichen Phänomenen und kulturellen Besonderheiten der Textsorte Kommentar sichern würde.